Geräusche und Gefühle
Die Augen sind geschlossen, die Sonne scheint wohlig warm auf den Körper, die Fingerspitzen berühren zaghaft den warmen Sand, der sich hier und da auf das Strandtuch schummelt. Das Meeresrauschen im Hintergrund, ein herrlich beruhigendes Geräusch, das die Entspannung erst so richtig perfekt macht... Und bedauerlicherweise gibt es sie auch - Geräusche, die offensichtlich und nahezu allgemeingültig als unangenehm empfunden werden: das Quietschen von Kreide auf der Tafel, das Pfeifen eines Mikrofons in der Rückkopplung, summende Mücken und auch das Schreien eines Babys in höchsten Tönen..
Doch wie kann es sein, dass sogar unser eingangs genanntes, gleichmäßiges und ruhiges Wellenrauschen bei einem Menschen zuverlässig emotionales Unbehagen auslösen kann? Wie hängen sie zusammen, die Geräusche und die Gefühle?
So verschiedenartig und individuell die genetische Ausstattung eines jeden Menschen ist, so unterschiedlich und einzigartig sind auch dessen Umwelterfahrungen. Daraus ergibt sich eine Vielzahl von Möglichkeiten, mit derer beispielsweise die Fähigkeiten, akustische Reize wahrzunehmen und zu verarbeiten, auf Erfahrungen un-/angenehm erlebter Geräusche treffen.
Diese Zusammenhänge zu erforschen, ist Gegenstand der Psychoakustik, der „Wissenschaft im Grenzgebiet zwischen Psychologie, Physiologie und Physik “ (Görne, 2006). Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich Gustav Theodor Fechner mit Untersuchungen des Zusammenhangs zwischen Schallereignissen (physikalische Größen) und menschlichen Sinneswahrnehmungen (psychoakustische Empfindungsgrößen). So konnte Fechner (1860) zeigen, dass Schallempfindungen (z.B. Lautstärke) nur bedingt aus physikalischen Größen (z.B. Schalldruckpegel) bestimmbar seien.
Psychoakustische Phänomene, die deutlich aufzeigen, dass der Zusammenhang zwischen Schall- und Hörereignissen komplex und zudem interindividuell verschieden, ja sogar auch pathologisch sein kann, stellen die Misophonie und die Hyperakusis dar. Diese, sowie die Phonophobie, sollen anschließend näher erläutert werden.
Hyperakusis
Die Hyperakusis ist dadurch gekennzeichnet, dass bei dem Betroffenen „eine negativ bewertete, subjektive Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen normaler Lautstärke (unterhalb 70-80 dB HL)“ besteht und diese mit physiologischen Schreckreaktionen einhergehen, wie z.B. Blutdruckveränderungen, Schweißsekretionen und Muskeltonuserhöhungen (Schaaf, Kastellis und Hesse, 2009).
Charakteristisch ist laut Schaaf et al. (2009), dass die verminderte Toleranzgrenze gegenüber normallauten Geräuschen für das gesamte Frequenzspektrum der menschlichen Hörfähigkeit gilt. So fühlen sich Betroffene beispielsweise nicht mehr in der Lage, ihrem Job konzentriert im Großraumbüro nachzugehen, in dem sie jedoch viele Jahre zuvor problemlos gearbeitet haben. Die Geräuschüberempfindlichkeit ist als Problem der Hörfilterfunktionen zu betrachten und kann langfristig zur Frustration des Betroffenen und Vermeidung der vermeintlich lauten Umgebung führen.
Die Hyperakusis findet in der amtlichen Klassifikation zur Verschlüsselung von Diagnosen (ICD-10) einen Platz unter dem Kode H 93.2 („sonstige abnorme Hörempfindungen“).